Eigene Ansprüche

Warum habe ich trotz eines vollen Tages das Gefühl, zu wenig getan zu haben?

Morgens wollten Sie zwei Dinge unbedingt schaffen. Abends ist beides erledigt. Als Sie sich hinsetzen, fällt Ihnen die eine Nachricht ein, die Sie noch beantworten wollten. Plötzlich beurteilen Sie den ganzen Tag danach, was offen ist. Wann hat sich der Maßstab verschoben?

Von Benjamin Butt, Psychologe (M.Sc.) · 4. November 2026

Was war heute überhaupt zu schaffen?

Vielleicht hat die Kita angerufen und Sie mussten früher los. Die Zeit für die Nachricht ist weggefallen, die Aufgabe steht noch da. Wer sich jetzt mehr Disziplin abverlangt, übersieht leicht, dass der Tag anders verlaufen ist als geplant. Eine Frist neu abzusprechen oder jemanden um Unterstützung zu bitten, kann der Situation eher gerecht werden.

Manchmal war genug Zeit da. Die Nachricht ist längst geschrieben, doch Sie lesen sie zum fünften Mal. Geht es um eine heikle Absage, kann sich die Sorgfalt lohnen. Geht es um die Bestätigung einer Uhrzeit, lohnt eine andere Frage. Was genau könnte beim Abschicken dieser Fassung schiefgehen?

Wann machen hohe Ansprüche Druck?

Eine Formulierung zu suchen, die jemandem gerecht wird, kann Ihnen Freude machen. Anstrengend wird es, wenn selbst ein kleines Versehen wie ein Urteil über Sie als Person wiegt. Aus „Das hätte ich freundlicher schreiben können“ wird dann „Ich bin rücksichtslos“. Beides kann nach außen gleich aussehen. Sie sitzen länger an der Nachricht. Was Sie dabei beschäftigt, macht für den nächsten Schritt einen Unterschied.

Auch in der Forschung zu Perfektionismus werden persönliche Standards, die Sorge vor Fehlern und Zweifel am eigenen Handeln getrennt erfasst. Das zeigt die Originalstudie von Frost und Kollegen. Für den eigenen Alltag ist diese Unterscheidung hilfreicher als ein pauschales Urteil darüber, ob Ihre Ansprüche „zu hoch“ sind.

Woran würden Sie merken, dass es reicht?

Probieren Sie es, wenn Sie mögen, bei einer kleinen Aufgabe mit überschaubaren Folgen. Legen Sie vor dem Schreiben fest, was die andere Person aus Ihrer Nachricht erfahren soll. Bei einer Verabredung könnten das Zeit und Treffpunkt sein. Lesen Sie Ihren Entwurf anschließend mit genau dieser Frage. Wenn beides verständlich ist, können Sie ihn abschicken, auch wenn Ihnen noch eine elegantere Formulierung einfällt.

Interessant ist, was Ihnen beim Aufhören durch den Kopf geht. Fehlt tatsächlich eine wichtige Angabe? Oder ist die Nachricht vollständig und es fühlt sich nur ungewohnt an, sie so stehen zu lassen? Schon diesen Moment zu bemerken, kann Ihnen helfen, beim nächsten Mal bewusster zu entscheiden.

Wenn das Gefühl häufiger mit in den Feierabend kommt

In einem Beratungsgespräch können wir an einem konkreten Tag anschauen, was andere von Ihnen brauchten, welchen Anspruch Sie selbst behalten möchten und wo Sie sich Entlastung wünschen. Vielleicht braucht es eine klarere Absprache. Vielleicht geht es darum, einen eigenen Maßstab auch dann gelten zu lassen, wenn noch etwas offen ist. So läuft die Beratung ab.